(c) Jonathan Kuhlmann

Zukünfte der Mobilität auf dem Deutschen Mobilitätskongress

17/11/2025

Wie können wir über Mobilität sprechen, die es noch nicht gibt? Wie lassen sich Vorstellungen von Morgen so gestalten, dass unterschiedliche Akteure – aus Politik, Planung, Industrie, Verbänden und Design – gemeinsam daran arbeiten können? Diese Fragen standen im Zentrum zweier Panels, die die Hochschule für Gestaltung Offenbach am 12. November 2025 auf dem 12. Deutschen Mobilitätskongress ausgerichtet hat. Beide Diskussionen verband ein gemeinsamer Kern: Zukunftsbilder als Werkzeug, als Haltung und als gemeinsame Sprache.

Perspektiven, Bilder und gemeinsame Räume des Denkens

Zukunftsbilder gewinnen gerade in einer Zeit gesellschaftlicher Unsicherheit zunehmend an Bedeutung. Sie helfen dabei, komplexe Entwicklungen begreifbar zu machen, verschiedene Disziplinen zusammenzuführen und Beteiligung zu ermöglichen. Dabei wurde schnell deutlich: Zukunftsbilder sind nicht einfach Illustrationen. Sie sind gestaltete Möglichkeitsräume, die bewusst Freiräume eröffnen oder aber – wenn sie zu konkret sind – ungewollt Interpretationsspielräume einschränken können. Die Diskussion zeigte, wie sensibel die Balance zwischen Offenheit und Konkretion ist. Zukunftsbilder können inspirieren, aktivieren und gemeinsame Orientierung schaffen – doch sie können ebenso als Festschreibung einer einzigen möglichen Zukunft wahrgenommen werden. Genau deshalb braucht es professionelle Methoden und gestaltende Expertise in ihrer Entwicklung. Das Erzeugen von Bildern im Kopf ist ein kreativer, strategischer und gestalterischer Prozess, der – wie mehrfach betont wurde – im Design, in der Architektur, in der Szenarioplanung und in anderen, Zukünfte schaffenden Disziplinen verwurzelt ist.

In diesem Kontext führte Prof. Dr. Eileen Mandir in die Logiken und Strategien des Design-Futuring ein, während Designer und Zukunftsgestalter Stefan Karp aus seinem Berufsalltag berichtete. Er machte deutlich, wie sehr unsere Vorstellungskraft durch Pfadabhängigkeiten geprägt ist: Wir tun oft das, wofür uns das bestehende System belohnt, und nicht das, was für Morgen notwendig wäre. Das plural gedachte Konzept der Zukünfte – im Plural – wurde so zum Leitmotiv des Panels. Wie Zukunftsbilder heute konkret angewandt werden, zeigte sich auch anhand verschiedener praktischer Einblicke. Matthias Fischer demonstrierte, wie seine Agentur Neomind begehbare 3D-Modelle entwickelt, in denen Materialien, Atmosphären und räumliche Zusammenhänge unmittelbar erfahrbar werden. Annika Storch ergänzte diese Perspektive mit VR-Simulationen, die Mobilitätsszenarien begehbar machen und so neue Formen des Austauschs ermöglichen.

Diese Diskussionen bildeten eine natürliche Brücke zum zweiten Panel, das sich der Zukunft der Fahrradmobilität widmete. Hier kamen Perspektiven aus der Fahrradindustrie Anke Schäffner (ZIV), Janet Weidemann (BMV) und Anja Zeller (VCD) und gaben nach Daniel Rese, welcher zunächst einen Einblick in die Designforschung und Forschungsprojekten zum Thema Fahrradmobilität gab, zusammen und wurden im Anschluss diskutiert. Besonders eindrücklich war der Einstieg über visuell aufbereitete Zukunftsbilder aus Forschungsprojekten – ein bewusster Rahmen, der verdeutlichte, dass Debatten über Mobilität immer auch Debatten über Bilder von Mobilität sind. Im Austausch wurde klar, wie sehr Zukunftsbilder helfen können, unterschiedliche Ebenen zusammenzubringen:

die technische Innovationslogik der Industrie,
die gesellschaftlichen Anforderungen der Verbände,
die politischen Rahmenbedingungen der Verwaltung
und die planerisch-gestalterische Sicht auf Lebensräume.

Gerade in der Fahrradmobilität entstehen so Schnittstellen, an denen Zukunftsbilder Orientierung geben, Diskussionen strukturieren und gemeinsame Entscheidungsräume öffnen können. Sie erlauben es, über das bekannte „Fahrrad“ hinaus zu denken – hin zu neuen Fahrzeugformen, intermodalen Konzepten und integrierten Mobilitätslandschaften.

Beide Panels machten deutlich:
Zukünfte müssen sichtbar werden, bevor sie gemeinsam entwickelt werden können.
Ob durch Worte, durch Bilder oder durch immersive Räume – erst wenn Zukunft erfahrbar wird, entsteht ein gemeinsamer Bezugspunkt für Dialog, Verständigung und Gestaltung. Zukunftsbilder schaffen solche Räume: offen genug für Beteiligung, konkret genug für Entscheidungen. Damit haben sie das Potenzial, zu einem entscheidenden Werkzeug der Mobilitätswende zu werden – und zu einer gemeinsamen Sprache für alle, die an den Mobilitäten von Morgen arbeiten.

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